"Lebenszeit und Doppelleben - über virtuelle und reale Existenz" (NZZ-Artikel 31.12.2010)

31. Dezember 2010

Lebenszeit und Doppelleben

Über virtuelle und reale Existenz

 

Von Martin Meyer

Der griechischen Antike galt Ataraxia als höchste Form des Daseins. Sie war zu praktizieren als Seelenruhe und Gelassenheit nach innen und nach aussen, also gegen die Lebensstürme der Psyche wie gegen Widrigkeiten der physischen Verfassung. Weder Leiden und Schmerz noch Krieg und Verbannung sollten den Experten der Einübung in diese Tugend etwas anhaben können. Jetzt hatten sie Distanz um sich gelegt, und selbst der Kosmos mitsamt seinen treulosen Göttern war ihnen fern gerückt.

Noch in der Neuzeit konnte man das Echo auf die Praxis des inneren Friedens vernehmen – bei Theologen und Mystikern und anderen Geistern einer erkämpften oder gelösten Weltabgewandtheit. Aber zugleich verbreitete sich, angestossen durch Wissenschaft und Technik, eine unternehmungslustig ausschweifende Neugier. Sie bildete den Widerpart zum vornehmen Desinteresse an den «human affairs» und bohrte sich ins Denken ein wie der Korkenzieher in den Zapfen, der die Flasche der Erkenntnis schützt. Die kopernikanische Wende bewirkte eine Revolution. Dass mehr als eine Welt sei, war dann – mit der Formel von Fontenelle – der Aufregung durchaus wert: Denn nun war der Mensch eingeladen, die seinige zu bestellen und zu verändern, als hätte es gegolten, das Konzept von der Schöpfung an sich zu reissen, um endlich verlässliche Verhältnisse zu schaffen.

Schöne neue Lebenswelt

Heute ist diese theoretische Einstellung gegenüber dem Dasein der Leitgedanke aufgeklärter Gesellschaften. Was der Begriff von der Lebenswelt einmal meinte – nämlich ein fragloses und selbstverständliches Beisichsein ohne Zweifel und Skepsis –, verschiebt sich ins Gegenteil. Normal und der Unruhe nicht wert ist ein beschleunigter Wandel, dessen Kräfte die Sicherheiten und Merkwelten laufend zersetzen. Wollte man noch von Anthropologie sprechen, so hätte sich der homo sapiens schon längst aus seinen geschichtlichen Erfahrungen langsamer Perioden und wiederkehrender Kulturrhythmen verabschiedet. Aktion und Reaktion stehen unterm Diktat rasanter Anpassungen. Dass dabei auch Hysterien epidemischen Ausmasses entstanden wären, ist bis jetzt nicht verbürgt.

Doch mehr noch. Der Übertritt ins digitale Zeitalter – vor zwanzig Jahren kaum in seiner Bedeutung realisiert – lässt ganz neue Begegnungen zu, die nachhaltig verändern, wovon unsere Vorstellung von Identität über Jahrtausende geprägt war. Das gute alte Individuum spottet seines Namens und zerlegt sich in eine Vielzahl von Subjekten oder Rollen, die durchs Netz laufen, bloggen, mit ihresgleichen twittern, sich bei höherem Reflexionstalent über die Schulter blicken, dauernd sich auf Sendung und Empfang bewegen und überhaupt ein temporeiches Doppellotterleben führen. Freuds Einsicht, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei, sähe die Probleme dahin verlagert, dass multiple Ausdrucksflächen verlässliche Rückschlüsse auf einen wie immer schadhaften Personenkern kaum noch zulassen. Weder wäre nur von einem Haus zu sprechen, noch besässe dieses Ich weiterhin feste Kontur.

Kulturkritik adieu

«Smart worlds» ist die Zauberformel für unsere Wirklichkeit, die immer schneller zur Konvergenz von realen und digitalen «Inhalten» drängt. Daten wachsen zu komplexen Netzwerken zusammen, die bei intelligenter Auswertung darüber informieren, was in der Welt geschieht. Der Stoff, der sich ansammelt, gleicht dem Märchenbrei, den kein Koch mehr zu bändigen versteht. Dabei läuft alles zunächst und vordergründig unter dem Siegel erhöhter Dienstleistung bei nachlassender Arbeitszeit. Der Sensor im Ohr der Kuh unterrichtet den Bauern über jede Sekunde seines Viehs ab ovo bis zum Schlachthof. Patienten werden bald schon in den eigenen Wänden statt im Spital zu ihrem Krankheitsbild befragt werden können. Andere kluge Botschafter aus den Arsenalen der Elektronik steuern die Versorgung mit Wasser, den Fluss des Verkehrs, Apparate des Haushalts oder auch Spionage für Industrie und Militär.

Es wäre naiv und völlig anachronistisch, daraus Kulturkritik mit dem Ruf nach Ein- und Umkehr ableiten zu wollen. Der Fortschritt – für Pessimisten: das Verhängnis – nimmt seinen Lauf und kümmert sich nicht um das, was gestern war. Auch stellt er mancherlei Komfort bereit, der gewissermassen demokratisch ausgestreut wird. Die Forschungszentren von Hewlett-Packard, IBM und vielen weiteren Technologiefirmen produzieren stündlich neue Gadgets, die den Alltag bisher umständlicher und umwegiger Verständigung mit der Materie abzukürzen versprechen. Als Musterprojekt schlechthin darf die Stadt Masdar in Abu Dhabi gelten, deren Fundamente ein «Gehirn» bergen, das eine Fülle von Diensten und Daten reguliert.

Aber natürlich changiert hierbei unser Umgang mit der Umwelt. War diese lange die eher undurchsichtige und sperrige Aussenansicht der Realität, so nistet sie sich inzwischen mit enormen Informationsmassen in der Lebensnähe ein – auch dann, wenn wir vieles so genau gar nicht wissen wollten. Wikileaks zum Beispiel – nomen est omen – züchtet Schnuppernasen heran, die daraufhin wähnen, direkt an die Weltpolitik angeschlossen zu sein. Doch schon die applications, die wir aufs iPhone oder aufs iPad ziehen, multiplizieren Chancen des Zugriffs auf Dinge, die den Normalverbraucher rasch überfordern. Kompensatorisch dazu wäre eine Verwendungsverarbeitungskompetenz gefragt, die bis jetzt noch in den Kinderschuhen steckt. Es ist, als hätten wir uns in Aladins Höhle verloren, ohne den Schalter «Exit» jemals zu finden.

Dieses Bescheidwissen – oder was dafür gehalten wird – biegt auch ein ins Innere; ins Eigenste des Daseins, das uns so viel wert ist. Der letzte Schrei lautet «life-tracking». Es handelt sich dabei um die digitale Aufzeichnung von Handlungen und Verhaltensweisen, die den Tag – in besonders neurotischen Fällen: auch die Nacht – begleiten. Der Proband seiner selbst speist die Daten in den Computer oder in das smartphone ein. Folgt als «intelligenter» Teil die Auswertung, woraus etwa ersichtlich wird, dass ein erhöhter Genuss von Butter bei der Lösung arithmetischer Aufgaben hilft. Ein Blog, der solche Selbstbeobachtung besonders intensiv reflektiert, nennt sich passend «The Quantified Self».

Abschied von der Person?

Auch hier verdoppelt sich das Leben. Nein, es vervielfacht sich, während die Quantifizierung neue Themenfelder erschliesst. Für eine Epoche aufsteigend narzisstischer Eigenwertschätzung ergeben sich daraus interessante Folgen – sowohl für das, was philosophisch einmal als Persona bezeichnet wurde, wie für den Geschäftssinn im Verkehr mit der Eitelkeit. Die Frage, wie viel Selbst der Mensch denn braucht, um – pardon: glücklich – leben zu können, könnte darüber rasch einmal als Verlegenheit empfunden werden.

Parallel dazu schrumpft die emphatische Vorstellung des Heute. Es präsentiert sich stattdessen als Wahrnehmung von Übergängen und Metamorphosen, die nur deshalb den Charakter der Überraschung eingebüsst haben, weil alles immer schneller enteilt. Werner von Siemens hatte schon 1886 in einem Vortrag über das naturwissenschaftliche Zeitalter das Gesetz solcher Beschleunigung erkannt. «Dies klar erkennbare Gesetz ist das der steten Beschleunigung unserer jetzigen Kulturentwicklung. Entwicklungsperioden, die in früheren Zeiten erst in Jahrhunderten durchlaufen wurden, die im Beginne unserer Zeitperiode noch der Jahrzehnte bedurften, vollenden sich heute in Jahren und treten häufig schon in voller Ausbildung ins Dasein.»

Man mag darüber spekulieren, ob und wann der psychische Apparat des Menschen bei wachsender Beschleunigung der lebensweltlichen Voraussetzungen seine Adaptationsleistung beschädigt. Das Quantum des «Zu viel» und «Zu schnell» verlangt jedenfalls nach einem qualifizierenden Schlüssel. Bis jetzt freilich treibt uns Heutige ein anderes mögliches Ärgernis um: dass bei stets noch begrenzter Lebenszeit den Verlockungen einer Weltzeit mit immer neuen Auswürfen von Informationen und virtuellen Identitäten niemals Genüge getan werden könnte. Lauter verpasste Chancen; selber schuld.