Hochbegabt – Fluch oder Segen

Walliserbote Extra 5.09

Hochbegabt – Fluch oder Segen

Zwei bis fünf Prozent unserer Bevölkerung sind hoch begabt, besitzen einen Intelligenzquotienten von über 130. Die wenigsten sind anerkannte Genies, die meisten haben gescheiterte Existenzen und einen langen Leidensweg hinter sich. Fabienne Schnyder Zenhäusern

«Ich fühlte mich wie erlöst, mein ‹Anderssein › wurde erkannt!»,beschreibt Suzanne B. aus Siders den Moment, als sie das Resultat des Intelligenztests erfährt. Mit einem Intelligenzquotienten über 130 gilt sie als hoch begabt. Auf das Thema gestossen ist sie durch ihre Schwester. Neugierig geworden, liest Suzanne ein Buch über das Thema – und muss immer wieder beim Lesen schmunzeln, erkennt sich wieder. Sie beschliesst, den Test zu machen. «Um Gewissheit zu haben, mich nicht als Blufferin oder Hochstaplerin zu fühlen. » Endlich darf sie anders sein! Und ein weiterer Faktor: So wie sie sich fühlt und denkt, geht es noch zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung. Sie ist nicht mehr allein. Wie wenn man sein Leben lang Schmerzen gehabt hat und nicht wusste wieso. Im Moment der Diagnose fühlt man eine grosse Erleichterung. Das Leid wird fassbar.

Was ist Hochbegabung?

Hoch begabt – ist das denn nicht etwas Geniales? Mit Bestnoten durch die Schulzeit sausen, Uniabschluss, erfolgreiche Karriere vorprogrammiert? Nathalie Addor Gailland, auf Hochbegabung spezialisierte Psychologin FSP in Martin nach erklärt: «Hochbegabt ist ein Mensch ab einem Intelligenzquotienten von 130.Die Skala geht von 40 bis 160. Als sehr intelligent gilt ein IQ zwischen 110 und 120. » (siehe Abbildung).. Nicht jeder Erfinder oder hochdotierte Wissenschaftler ist also automatisch von diesem Phänomen betroffen, das Bild vom zersausten Einstein täuscht – er wurde übrigens nie getestet! Hochbegabte Menschen haben meistens einen langen Leidensweg hinter sich. Die Intelligenz alle ein ist es nicht, die das Phänomen Hochbegabung ausmacht.

Schach oder matt

Sie sind hochsensibel, die Empathie gegenüber ihren Mitmenschen und Umwelt ist so gross, dass es schwerfällt, sich abzugrenzen. Sie tragen das ganze Leid dieser Welt auf ihren Schultern und neigen zu Depressionen, wenn alles zu viel wird. Ungerechtigkeiten sind ihnen ein Gräuel. Vielfach langweilen sie sich in länger dauernden Gesprächen, denn mit ihrer raschen Auffassungsgabe und ihrem Scharfblick haben sie das Thema längst auf den Punkt gebracht. Sie überfordern und brüskieren Mitmenschen mit ihrem Tempo, sind ungeduldig. Alles Regelmässige ist ihnen verhasst. Sie verfügen über eine hohe Intuition, sehen die Dinge kommen. Warten auf den letzten Moment, um Aufgaben zu erledig gen und tun dies zwar termingerecht – aber mit einem riesigen Energieschub. Sie haben grosse Angst vor Unbekanntem und ein geringes Selbstbewusstsein. Einsame Menschen also, denen es schwer fällt, einen Partner zu finden, der sie versteht. Einer, der bei ihrem Tempo mitziehen kann, sich nicht überfordert fühlt – und mit dem sie sich nicht langweilen. Sie fühlen sich «anders», gehören nirgends dazu und wissen nicht warum. Erhöhter Cannabis- und Alkohol-Konsum ist ein scheinbarer Ausweg – es verlangsamt die Gedanken, das immer rotierende Gehirn kommt zur Ruhe ..... aber es ist gefährlich.

Reine Trainingssache?

Woher kommt Hochbegabung, kann man sich das antrainieren? Nein, es ist hauptsächlich vererbbar. Die Umwelt und das soziale Umfeld spielen eine weitere Rolle, damit diese Begabung nicht verkümmert. Wobei mehrere Negativfaktoren zusammen kommen müssen, damit sie wirklich abnimmt. Hochbegabte Kinder fa alle en teilweise in der Schule auf und werden dann getestet. Für diese Kinder ist im Oberwallis Regula Klingele zuständig, berät die Lehrkräfte und führt Förderhalbtage in Naters durch. Im französischen Wallis ist die zweisprachige Doris Perrodin-Carlen, diplomierte Spezialistin für Hochbegabung (ECHA) verantwortlich. Die meiste en Personen, die zu Psychologen gehen, erkennen sich in ihren Kindern wieder. Und plötzlich stellt sich ein Elternteil die Frage, so bin ich doch auch, genau so empfinde ich? «Des öfteren ruft mich eine Mutter ein paar Tage nach dem Elterngespräch an n, bittet um ein Treffen ohne das Kind ..!»,erzählt Perrodin. Die anderen wenden sich an eine psychologische Fachperson, weil sie beruflich immer wieder scheitern. Sie sind depressiv oder werden zum Teil von Psychiatern nach Selbstmordversuchen an sie verwiesen n. Der Mythos «Hochbegabt» hört nicht in der Jugend auf, man wird damit geboren und ist es ein Leben lang.

Unter sich

Nach der Diagnose – ob mit Test oder ohne – kommt die Erleichterung. Und irgendwie «finden» sich Hochbegabte untereinander und haben so eine Möglichkeit, darüber zu reden. Das Phänomen ist ein Tabuthema, wer wird es schon in seinem Lebenslauf erwähnen? Die Mitmenschen reagieren aus Nichtwissen auch eher negativ darauf:«Ja, ja, dem ist es in den Kopf gestiegen! » Deshalb auch der Wunsch von Suzanne B., anonym zu bleiben. Achtung aber, mit dem IQ-Test – ob Mensa oder bei Psychologen – wird nur ein Teil der Hochbegabung gemessen. Die emotionale und soziale Intelligenz, die sehr stark das Leben eines Hochbegabten bestimmen, werden weder beim einen noch beim anderen getestet. Kommen wir zurück zu Suzanne, hat sich nach dem Test ihr Leben verändert? «Beruflich hat es mich bestätigt, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen; ich lebe meine Vielseitigkeit aus. Die Mitte zu finden zwischen Zuviel und Zuwenig – das ist meine grösste Herausforderung! » Sie ist auch Mitglied von Mensa, dem internationalen Club für Menschen mit einem IQ ab 130. Rund 45 Mitglieder gibt es im Wallis. Suzanne B. versucht, gewisse Dinge etwas ruhiger zu nehmen, kann sich besser akzeptieren, bremst sich aber nicht «Ich weiss jetzt, dass ich anders bin - und bin stolz darauf! »

IQ-Tests:

  • Bei Psychologen, 3 Doppelstunden, Kosten zwischen 800 und 1000 Franken.
  • Mensa, www.mensa.ch, Pretest auf Internet gratis, Kollektivtest 80 Franken.

Weitere Informationen:

Psychologen:

  • Nathalie Addor Gailland, www.nathalie-addor.ch, (französisch)
  • Anastasia Ritz-Fantoni, Brig
  • Evelyne Leiggener und Rahel Clemenz, Zentrum f. Entwicklung und Therapie des Kindes und Jugendlichen ZET, Brig
  • Dipl. Spezialistin für Hochbegabung, Doris Perrodin (deutsch,französisch und englisch), www.doris-perrodin.ch

Literatur:

  • «Ganz normal hochbegabt — Leben als hochbegabter Erwachsener » von Andrea Brackmann, Verlag Klett-Cotta Leben.
  • «Trop intelligent pour être heureux? L ’adulte surdoué »,Jeanne Siaud- Facchin, Ed.Odile Jacob (franz.)

     

(c) Walliserbote magazine 5-2009, Fabienne Schnyder Zenhäusern