Der Landbote

23-05-2002
Der Landbote

«Gleich und gleich gesellt sich gern», heisst es. Die Volksweisheit gilt offenbar auch für Hoch- und Höchstintelligente.

Drei Blonde, zwei Schwarzhaarige, drei Brillenträger, ein Embracher: Auf den ersten Blick könnte die Gästegruppe am langen Tisch im Garten des Restaurants Strauss gewöhnlicher nicht sein. Und ausser dem jungen Mann im Schottenrock fällt sie auch nicht weiter auf. So alltäglich ist die Tischrunde aber auch wieder nicht. Denn die vier Frauen und fünf Männer haben alle einen Intelligenzquotienten von über 132 Punkten vorzuweisen und sind Mitglieder der Mensa-Vereinigung, deren Winterthurer Sektion an diesem Mittwochabend gegründet werden soll.
Mensa, das ist eine internationale Organisation für Menschen mit einem überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten. Weltweit zählt diese nach eigenen Angaben über 100 000 Mitglieder, in der Schweiz sind es gegenwärtig rund 600. Zweck des Vereins ist es gemäss Eigendefinition, «intelligente Menschen an einen gemeinsamen Tisch zu bringen» («mensa» heisst auf lateinisch Tisch, ausserdem steckt im Namen auch das Wort «mens», Verstand, Geist). Mitmachen kann nicht jedermann. Aufgenommen wird nur, wer an einem überwachten Intelligenztest mindestens 132 IQ-Punkte erzielt, das heisst ein besseres Ergebnis, als es 98 Prozent der Bevölkerung erreichen würden. Eine Art Elite-Club für Superhirne also? «Schon, aber nicht nur», sagt Nicole Seitz, die zum Winterthurer Treffen eingeladen hat. In erster Linie schaffe Mensa Kontaktmöglichkeiten; sei es an regelmässigen Veranstaltungen, sei es über die eigenen Internetforen - immer finde ein reger Gedankenaustausch statt. Der Vereinszweck sei insofern ein sozialer: Hochintelligente Menschen fühlten sich oft isoliert, nicht zuletzt durch ihre aussergewöhnlichen Denkfähigkeiten. Mensa erleichtere ihnen den Anschluss an Gleichbegabte in ähnlichen Situationen.

Selbsthilfegruppe für Siebengescheite
Der Klub diene eigentlich einem Selbstzweck, ergänzt Marcel Zollinger, eines der Mitglieder am Tisch. Überspitzt könne man von einer Selbsthilfegruppe für Übergescheite sprechen. Selbsthilfegruppe? Man könnte doch meinen, eine solche Gabe erleichtere einem im Leben manches, und Hochintelligente hätten es in vielerlei Hinsicht einfacher als der grosse, weniger begnadete Rest der Bevölkerung. Offenbar falsch. Gescheit zu sein ist nicht immer einfach. Ein hoher IQ kann auch zur Belastung werden, wie die Anwesenden aus eigener Erfahrung übereinstimmend erklären. Die schnelle Auffassungsgabe, das rasche Begreifen von Zusammenhängen werde nicht immer geschätzt. Man gelte bald als arroganter Besserwisser. Um nicht «unangenehm» aufzufallen, lege er in Gesprächen zuweilen Kunstpausen ein, sagt der eine. «Wird bekannt, dass dein IQ 140 beträgt, bist du gleich als Aussenseiter abgestempelt», fügt ein anderer bei. Ihm würde es aus diesem Grund nicht im Traum einfallen, seine Mensa-Mitgliedschaft in einer Bewerbung zu erwähnen, ergänzt ein anderer. Solche Vorsichtsmassnahmen entfallen an den Mensa-Treffs. Man ist unter sich, unter Gleichgescheiten, und müsse nicht immer befürchten, sein Gegenüber mit zu raschen Antworten und Gegenargumenten zu überfordern. Dazu komme, dass man garantiert interessante Gesprächspartner trifft, da Mensaner meist ein breit gefächertes Allgemeinwissen mitbringen und vielfältig interessiert sind. «Bei uns gibt es keine Denkfaule», versichert Seitz. Gesprochen werde an den Treffs über Alltagsthemen, Arbeit oder Philosophie - «was halt gerade so kommt».
Gleichgescheite sind aber nicht unbedingt Gleichgesinnte. Für solche bietet Mensa entsprechende Interessengruppen an, die «Special Interest Groups». So gibt es eine Bergsteiger-, eine Töffoder eine Kochgruppe, in der sich entsprechend Interessierte zusätzlich treffen. Daneben setzt sich Mensa Schweiz auch für die Förderung und Betreuung von hoch begabten Kindern ein. Eine Art Verpflichtung, kennen doch viele Mensa-Mitglieder deren nicht immer einfachen schulischen Alltag aus eigener früherer Erfahrung.

Aufnahmetest in Winterthur
Werklehrer, Naturwissenschafter, Studenten, Banker: Vertreten sind in der Vereinigung alle möglichen Berufe, darunter auffallend viele aus der Informatikbranche. Auch am Winterthurer Tisch sind es knapp die Hälfte. Die meisten der Anwesenden haben überdies mehr als eine Ausbildung hinter sich. So arbeitet die Juristin als Versicherungsmaklerin («auf dem Gericht war’s mir zu langweilig»), der gelernte Kunstschlosser und bekennende Schottlandfan jobbt auf dem Bau, zwei ehemalige ETH-Chemiker sind heute Informatikanalysten, und ein dritter leistet gerade seinen Zivildienst als Sozialarbeiter ab und lernt nebenher Chinesisch. Nicht gekommen ist an diesem Abend das jüngste Mitglied von Mensa Schweiz, ein 13-jähriger Winterthurer Schüler.
Mitglied bei Mensa kann also werden, wer beim Mensa-eigenen IQ-Test ein besseres Resultat als 98 Prozent der Bevölkerung erzielt. Zur Vorbereitung findet sich auf der Homepage von Mensa Schweiz ein Vortest, anhand dessen man seine eigenen Fähigkeiten vorgängig überprüfen kann. Der erste offizielle Mensa-Test in Winterthur findet am 24. Juni statt. Anmeldung über Internet: www.mensa.ch.
Übrigens: Neben Mensa gibt es auch andere IQ-Vereine. Zum Beispiel die «triplenine»-Organisation. Deren Mitglieder können mit einem IQ-Quotienten von mindestens 150 Punkten aufwarten und sind somit gescheiter als 99,9 Prozent der Bevölkerung, daher der Klubname «Dreifache Neun». Da machen aber die ganz Verrückten mit. Sagen auch die Winterthurer Mensaner.

Intelligenz ist, wenn man ...
Was Intelligenz ausmacht, darüber streiten sich seit jeher auch gescheite Leute. Heute spricht man von verschiedenen Arten von Intelligenz, von sprachlicher, emotionaler oder sozialer zum Beispiel. Auch unterscheidet man zwischen Intelligenz die auf Erfahrungswissen fusst und einer bildungsunabhängigen Abstraktionsfähigkeit. Diese - etwa logisches Denken oder räumliches Vorstellungsvermögen - ist es auch, welche mit normierten IQ-Tests gemessen wird. Davon gibt es viele mit verschiedenen Werteskalen. Der von Mensa (nach Stanford-Binet) verwendete Test gehört zu den verbreitetsten. Der Durchschnitt auf dieser Skala beträgt 100 Punkte. Danach haben 68 Prozent der Bevölkerung einen IQ zwischen 85 und 115.

Jean-Pierre Gubler