Besuch am schlauen Stammtisch

05-02-2010 BAZ

Verein für Hochbegabte
Besuch am schlauen Stammtisch

Zwei Prozent der Schweizer erreichen in Intelligenztests einen Wert über 130. Nur sie werden zum Verein Mensa zugelassen. Wer bei Mensa ist, findet Gesprächspartner zu allen möglichen Themen. Nur eines ist tabu: der eigene IQ. Aufgabe 1: Setzen Sie bitte diese Zahlensequenz logisch fort: «1, 3, 6, 10, …». Ein Kinderspiel? Gut. Dann versuchen Sie es bitte mit dieser Reihe: «65536, 256, 16, …» Können Sie auch? Gratulation. Womöglich sind Sie hochbegabt, haben einen Intelligenzquotienten (IQ) über 130 und gehören zu den intelligentesten zwei Prozent der Menschheit. Vielleicht auch nicht. Die richtigen Lösungen für die beiden Zahlenreihen reichen nämlich längst nicht aus, um Mitglied bei Mensa zu werden, dem Verein für intelligente Menschen. Über 100 Aufgaben gilt es im Mensa-Aufnahme test in rund 90 Minuten zu lösen. Nur ein Drittel der Personen, die das überhaupt versuchen, besteht den Test mit dem gewünschten Resultat, bekommt einen IQ von über 130 bescheinigt und ist eingeladen, Mensa beizutreten. Ab einem IQ von 130 gilt jemand als hochbegabt. Der Mittelwert liegt bei den in Europa üblichen IQTests bei 100. Das Wort Mensa ist lateinisch für Tisch, darin steckt aber auch das lateinische «Mens» («Geist»). Der Tisch, um den sich acht Mensaner zum monatlichen Vereinstre en der Basler Sektion versammeln, steht im Gasthof Mühle in Aesch. Wie treten die Leute mit dem hellgrünen Ausweis auf, der ihre Mitgliedschaft im Club der Superschlauen bestätigt? Sind sie elitär und eingebildet? Total abgehoben? Knistert die Luft über ihren Köpfen? Zunächst einmal sind die drei Frauen und fünf Männer beschäftigt mit Enten leber und Dorade, mit Rösti, Lachs und Lammfi let. Mens sana in corpore sano. Sie reden weder über Quantenphysik noch über MatheRätsel, sondern über Filme und Haustiere. Wars das etwa? Nein.

UNGEDULDIG. Irgendwann packt jemand ein paar Denksportaufgaben aus (siehe auch S. 36). Extra für die Journalistin mitgebracht. Deren Hirnzellen glühen vor Anstrengung. Erfolglos. Schade. Wäre schmeichelhaft gewesen, dazuzugehören. Oder? Die Mensaner am Tisch – zwei Ingenieure, zwei Informatiker, eine Biologin, ein Arzt, ein Treuhänder und eine Versicherungs mathematikerin, die heute als Teamcoach arbeitet, wiegen die klugen Köpfe. Klar, Intelligenz ist ein geschätztes und erwünschtes Gut in unserer Gesellschaft. Aber es sei nicht einfach nur von Vorteil, einen besonders hohen IQ zu haben, da sind sich die acht am Tisch einig. Auf der Website bezeichnet ein Vereinsmitglied Mensa denn auch als «Kreuzung aus einem geistigen Sportverein und einer Selbsthilfegruppe». Soll man die Mensaner etwa bemitleiden ob ihrer Gabe? «Nein», sagt Max Fischer, Prozessingenieur aus Allschwil. «Aber was wir alle gemeinsam haben, ist das Aussenseitertum. Abseitszustehen, ist eine sehr prägende Erfahrung.» Heftiges Nicken am Tisch. Dazu hat jeder ein paar Anekdoten zu erzählen. Zum Beispiel Ute Blasche, Präsidentin von Mensa Schweiz. Die 52Jährige mit dem schwarzen Haar, dem rosa Lippenstift und dem pinkfarbenen Jäckchen lacht im Cabaret häufi g schon kurz vor der Pointe. In Gesprächen unterbricht sie öfters ihre Gegenüber, und antwortet, bevor die den Satz zu Ende gesprochen haben. Und sie springt zu weilen von Thema zu Thema, als hätte sie eine Konzentrationsschwäche. Hat sie aber nicht. Sie ist bloss schneller als die anderen. Die Pointe im Cabaret ist ihr klar, bevor sie ausgesprochen ist. Und ihre Gegenüber lässt sie nicht ausreden, weil sie längst weiss, was sie sagen wollen. Sie muss sich oft zurücknehmen, ihre Ungeduld zügeln. Und ihr ganzes Leben lang hatte sie nie das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Ob das mit ihrem hohen IQ zusammenhängt, weiss sie nicht. Ein Indiz dafür: Bei Mensa fühlt sich Ute Blasche zum ersten Mal in einer Gruppe gut aufgehoben. Diese Leute sprechen und denken genauso schnell wie sie.

VERZETTELT. Hochbegabte Kinder werden heutzutage, wenn möglich, besonders gefördert und betreut. Hochbegabte Erwachsene müssen meist selbst herausfi nden, wie sie am besten mit ihren Fähigkeiten umgehen. «Lange sucht man den Fehler bei sich, wenn man sich mit anderen Leuten nicht versteht», sagt Urs Fischer, der Treuhänder mit drei Piercings im linken Ohr. «Es ist schön, wenn man dann bei Mensa Menschen fi ndet, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.» Die Erfahrung zum Beispiel, Lösungen zu sehen, bevor man weiss, wie sie hergeleitet werden – und damit bei Mitmenschen auf Unverständnis zu stossen. Oder als arrogant, als Besserwisser oder als ungeduldig abgestempelt zu werden. Die Erfahrung auch, so viele verschiedene Interessen zu haben und so vieles gut zu können, dass man sich am Ende völlig verzettelt.

VERTRAULICH. Wie hoch ist er nun, der IQ dieser Leute, die gar nicht so seltsam wirken, wie sie sich beschreiben, sondern ziemlich selbstbewusst, normal und nett? Die Frage geht zuerst an Mark Dettinger, Vorstandsmitglied von Mensa. Gerade hat er erzählt, dass er neben seinem Job als Informatiker auch taucht und reitet und den Pilotenschein macht. In zwei Wochen fl iegt er zum ersten Mal selbst über die Alpen, und seine Augen strahlen beim Gedanken daran. Die Frage nach seinem IQ bringt das Strahlen augenblicklich zum Verschwinden. «Das ist vertraulich», sagt er. Warum? Mark Dettinger windet sich, als sei ihm plötzlich körperlich unwohl. «Es soll hier keinen Wettbewerb geben», bringt er schliesslich heraus. «Wie hoch der IQ genau ist, spielt keine Rolle.» Auch Urs Fischer rutscht auf seinem Stuhl ganz nach hinten, als die Frage nach dem IQ kommt. «Das sagen wir nicht. Es ist nicht wichtig.» Isabell Buttron, die Biologin, ergänzt: «Der IQ ist etwas Intimes.» Urs Fischer und Isabell Buttron sind ein Paar. Erst nach einem halben Jahr haben sie einander ihre IQZahlen anvertraut. Und waren unglaublich erleichtert, dass sie beide denselben Wert haben. Wie können sie da behaupten, diese Zahl sei nicht wichtig? Sie sagen: «Wenn man bei Mensa ist, braucht man nicht mehr über den IQ zu reden. Und ausserdem sind IQ-Tests im oberen Bereich nicht besonders zuverlässig.» Ute Blasche ist die Einzige, die ihren IQ – 156 – verraten hat. Nicht im Beisein der anderen Mensaner, sondern im Vorgespräch mit der BaZ am Telefon. Ob sie es nun bereut? Jedenfalls meint auch sie: «Die Zahl als solche bedeutet mir wenig. Den IQ einer Person kann man ja nicht so exakt messen wie Gewicht und Grösse.»

SCHNELL. Es ist paradox: Das einzige Kriterium für die Mitgliedschaft bei Mensa, der IQ, kann gar nicht allgemein verbindlich gemessen werden. Die Mensaner selbst erklären: Eine einheitliche Definition für Intelligenz gibt es nicht. Gemeinsam ist den meisten Theorien, dass sie Intelligenz als eine Fähigkeit sehen, sich in neuen Situationen schnell zurechtzufi nden oder Aufgaben durch Denken zu lösen. Intelligentere haben im Allgemeinen schneller den Überblick über ein unbekanntes Gebiet. Um diese Fähigkeit zu messen, gibt es eine Vielzahl von IQTests, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen, mal geht es mehr um räumliches Denken, mal mehr um mathematische Fähigkeiten. Der IQTest misst, wie stark eine Person vom Mittelwert der Resultate in ihrer Altersgruppe abweicht. Die genaue IQ-Zahl sagt jedoch nicht viel aus, wenn man nicht weiss, mit welchem Test und auf welcher Skala sie ermittelt wurde. Der Mittelwert wird dennoch auf den meisten Skalen mit hundert bezeichnet. Nicht gemessen werden in IQ-Tests kommunikative und soziale Fähigkeiten, die in manchen Theorien unter dem Begri «Emotionale Intelligenz» erfasst werden.

VIELSEITIG. Studien haben ergeben, dass Menschen sich am besten verstehen, wenn ihre IQ-Werte nicht mehr als 15 Punkte auseinanderliegen. Das heisst, ein Mensch mit einem IQ von 130 kann mit dem grössten Teil der anderen Menschen nicht allzu viel anfangen. Und umgekehrt.

Dafür verstehen sich die Mensaner untereinander umso besser. «Es gibt immer wieder mal Paare», sagt Mark Dettinger. Allerdings sind nur 23 Prozent der Mitglieder Frauen. Woran das liegt, ist nicht geklärt. Laut verschiedenen Studien liegen Männer bei IQ-Skalen eher an den Rändern, Frauen eher in der Mitte. Unter den intelligentesten zwei Prozent der Menschen sind also mehr Männer als Frauen – allerdings auch unter den dümmsten zwei Prozent. Wobei die Mensaner das Wort «dumm» vermeiden, da es in unserem Sprach gebrauch zu negativ besetzt sei. Ute Blasche vermutet zudem, dass Männer sich einen hohen IQ eher zutrauen und sich darum auch eher zum Eintrittstest anmelden als Frauen. Aber, sagt Ute Blasche, egal ob Männer oder Frauen: Bei Leuten von Mensa habe sie oft das Gefühl, sie kenne sie schon ewig. «Wir sind einfach auf der gleichen Wellenlänge.» Was diese Wellenlänge ausmacht, scheint schwer zu beschreiben. Der Arzt Gerfried Beyl tastet mit den Händen durch die Luft, als suche er das richtige Wort, findet es aber nicht. «Man versteht sich einfach. Und man hat viele Gesprächsthemen, weil viele Mensaner so vielseitig interessiert sind», sagt er schliesslich. «Na, du bist aber...», sagt Ute Blasche. Die acht am Tisch brechen in Gelächter aus. Was war da jetzt die Pointe? Ach so, die auszusprechen erübrigt sich. Ist schon klar. Oder etwa nicht?

EXKLUSIV. Mensa wurde 1946 von einem Engländer und einem Australier gegründet. Inzwischen hat Mensa weltweit rund 110 000 Mitglieder, in der Schweiz sind es etwa 850. Eintreten kann, wer bei einem anerkannten, überwachten Test ein besseres Ergebnis erreicht, als es 98 Prozent der Bevölkerung erzielen würden, was einem IQ-Wert von 130 entspricht. Wer sich für die Aufnahme interessiert, kann auf der Vereinswebsite einen Vortest ablegen. Ab einer bestimmten Punktzahl ist eine Anmeldung zum eigentlichen Test möglich. mgl

Weitere Informationen: www.mensa.ch

Preisrätsel: Testen Sie Ihren IQ PARKPLATZ. Fünf Autos unterschiedlicher Farbe und unterschiedlichen Fabrikats aus verschiedenen Städten stehen nebeneinander auf einem Parkplatz. In jedem Auto befi ndet sich eine andere Musik-CD und die Besitzer der Autos haben unterschiedliche Berufe.

  • Der Ferrari ist rot.
  • Dem Lehrer gehört das silbrige Auto.
  • Im VW liegt eine Madonna-CD.
  • Der BMW kommt aus München und steht neben dem blauen Auto.
  • Das Auto aus Hamburg steht neben dem braunen Auto.
  • Der Metzger hat eine Abba-CD in seinem Auto.
  • Das Auto mit der Beatles-CD steht neben dem Auto des Lehrers.
  • Das Auto aus Köln gehört dem Notar.
  • Neben dem blauen Auto steht ein Smart.
  • Der Ford gehört dem Schreiner.
  • Das grüne Auto kommt aus Hamburg.
  • Neben dem Auto aus Berlin steht das Auto des Bäckers.
  • Das Auto mit der Eminem-CD ist das vierte auf dem Parkplatz.
  • Neben dem Auto aus Stuttgart steht kein BMW.

In einem der Autos ist eine Heino-CD. Welche Farbe hat dieses Auto? Welches Fabrikat? Aus welcher Stadt kommt es? Welchen Beruf hat sein Besitzer? Unter den Einsendern der richtigen Lösungen verlosen wir zwei Gutscheine im Wert von 80 Franken für den Mensa-Aufnahmetest. Schicken Sie Ihre Lösung bis Donnerstag, 11. 2. 2010, mit dem Stichwort «ParkplatzRätsel» per EMail an miriam.glass@baz.ch

(c) BAZ, Miriam Glass

 

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